Vitamin D Höchstdosistherapie bei Autoimmunerkrankungen – warum ich mich damit so intensiv beschäftige
Ich habe vor ungefähr sieben, acht Jahren begonnen, Vitamin D therapeutisch einzusetzen – zunächst nicht als Höchstdosis, sondern in Dosierungen zwischen 5.000 und 10.000 Einheiten pro Tag. Damit habe ich bei vielen Patienten sehr schöne Resultate gesehen. Gerade bei Menschen mit früher Diagnose, bei denen man zunächst nicht sicher war, ob es tatsächlich Multiple Sklerose ist, blieben Verläufe über Jahre stabil.
Damals wusste ich noch nicht im Detail, welcher Wirkmechanismus dahintersteht. Der nächste Schritt kam über meine Patienten: Sie sind auf mich zugekommen und haben gefragt, ob ich sie auf einem Weg begleiten kann, den sie im Internet gefunden haben – dem Coimbra-Protokoll.
Beobachtung der letzten Jahrzehnte
Wenn wir uns die Entwicklung der letzten Jahrzehnte anschauen, sehen wir etwas Auffälliges: Infektionskrankheiten haben stark abgenommen – Autoimmunerkrankungen nehmen dramatisch zu.
In Österreich geht man von rund 400.000 Betroffenen aus, in Deutschland von mehreren Millionen. Gleichzeitig liest man in vielen medizinischen Artikeln immer wieder den gleichen Satz: „Die Ursache ist unklar – es braucht weitere Forschung.“ Ich sehe das anders. Es gibt sehr viele gute Studien, wir wissen bereits viel – und wir können auch einiges tun.
Ein Beispiel: Typ-1-Diabetes bei Kindern
Typ-1-Diabetes bei Kindern nimmt deutlich zu. Und ja – man sucht nach Erklärungen. Aber es gibt Hinweise, die wir längst ernst nehmen könnten: Schon in der Schwangerschaft spielt Vitamin D eine Rolle. Wenn die Versorgung zu gering ist, sind Kinder für Autoimmunprozesse eher prädisponiert.
Geografische Verteilung
Ein weiterer Punkt ist die geografische Verteilung. Menschen, die nahe am Äquator leben, haben sehr wenige Autoimmunerkrankungen. Wandern sie in westliche Länder aus, steigt die Rate. Lange hat man das mit der Hygiene-Hypothese erklärt. Vielleicht ist aber ein anderer Faktor mindestens genauso zentral: die Sonne – und damit die Vitamin-D-Produktion.
Was wir aus der Geschichte lernen können
Ein Pionier der Heliotherapie war Dr. Auguste Rollier in der Schweiz. Er behandelte Patienten mit Sonnenlicht, ließ sie auf Terrassen liegen, teilweise sogar im Schnee sonnen. Seine Ergebnisse – etwa bei Tuberkulose – waren beeindruckend.
Später kam ein Wendepunkt: Mit der Glasproduktion wurden Kliniken „modern“ – Fenster ließen zwar Licht hinein, aber UVB blieb draußen. Die Vitamin-D-Produktion fiel praktisch auf Null. Diese Kliniken verschwanden. Dann kamen Antibiotika – und die Sonne geriet als therapeutischer Faktor aus dem Fokus.
Ich habe mich gefragt: Was hat Tuberkulose mit Autoimmunerkrankungen zu tun? Und kann uns dieses alte Wissen heute helfen?
Warum mTOR wichtig ist
Bei meiner Literaturarbeit bin ich auf ein Molekül gestoßen, das für mich vieles erklärt: mTOR. Es ist ein zentrales Regulationsprotein im Immunsystem – und es ist bei Autoimmunerkrankungen, aber auch bei granulomatösen Erkrankungen (z. B. Tuberkulose, Sarkoidose) häufig hochreguliert.
mTOR hat zwei besonders relevante Effekte: Es fördert Zellwachstum und es fördert Entzündung. Entzündung wiederum erhöht mTOR – ein Teufelskreis.
Th-17 und westlicher Lebensstil
mTOR aktiviert unter anderem Th-17-Zellen. Diese Zellen sind zentrale Treiber vieler Autoimmunprozesse. Gleichzeitig wird mTOR auch durch Aspekte unseres westlichen Lebensstils hochreguliert – etwa über erhöhten Insulinspiegel, metabolisches Syndrom und chronische Entzündungszustände.
Kein „Vitamin“ im klassischen Sinn
Vitamin D ist in Wahrheit ein Steroidhormon. Es reguliert eine große Anzahl von Genen, und Vitamin-D-Rezeptoren finden sich praktisch im ganzen Körper.
Was für mich entscheidend ist: Vitamin D kann mTOR herunterregulieren. Menschen mit Vitamin-D-Mangel können mit Entzündungen oft schlechter umgehen – weil eine zentrale Bremse fehlt.
Was die Daten nahelegen
Niedrige Vitamin-D-Spiegel korrelieren mit höherem Risiko für Darm-, Prostata- und Brustkrebs. Sehr niedrige Werte sind mit deutlich höherem Risiko für kolorektale Karzinome verbunden.
Eine finnische Studie mit über 10.000 Säuglingen zeigte: 2.000 Einheiten Vitamin D im ersten Lebensjahr waren mit einer etwa 80 % niedrigeren Typ-1-Diabetes-Inzidenz in den folgenden Jahrzehnten verbunden.
Das sind keine Nebenaspekte. Das sind Hinweise auf zentrale Regulationsmechanismen.
Regulation statt Immunsuppression
Ein häufiger Irrtum: Vitamin D würde das Immunsystem unterdrücken. Aus meiner Sicht ist das Gegenteil relevant: Es wirkt regulierend.
Vitamin D unterstützt antimikrobielle Substanzen wie Cathelicidin und Defensin, wirkt auf Monozyten und Makrophagen, unterstützt B-Lymphozyten bei der Antikörperbildung, beeinflusst Autophagie und erhöht Toleranzmechanismen über dendritische Zellen.
T-Zellen, Tregs und Th-17
Bei Autoimmunität besonders wichtig: Vitamin D fördert T-Regulatorzellen, bilanziert entzündungsfördernde und entzündungshemmende Achsen und unterdrückt Th-17. Genau dieser Mechanismus ist aus meiner Sicht ein Schlüssel für die Hochdosis- oder Höchstdosistherapie in geeigneten Fällen.
Aktivierung und Cofaktoren
Menschen unterscheiden sich stark in der Fähigkeit, Vitamin D zu aktivieren. Es gibt Polymorphismen (u. a. bei der 1-Alpha-Hydroxylase), die in Zusammenhang mit Erkrankungen wie MS, Hashimoto, Basedow oder Typ-1-Diabetes beschrieben werden. Dieses Enzym wandelt Vitamin D3 in die aktive Form um – und dafür braucht es Magnesium und Vitamin B2.
Wenn diese Aktivierung eingeschränkt ist, kann es sein, dass „normale“ Dosierungen nicht ausreichen, um immunologisch etwas zu bewegen.
Rezeptorblockaden als möglicher Faktor
Es ist nicht nur „Vitamin D rauf und alles wird gut“. Es gibt Cofaktoren. Zum Beispiel können Erreger wie Epstein-Barr-Virus (EBV) Vitamin-D-Rezeptoren modifizieren. EBV ist weit verbreitet, oft inaktiv, kann aber bei Stress reaktiviert werden – und dann immunologisch eine Rolle spielen.
Es gibt Hinweise, dass bei vielen MS-Patienten bereits Jahre vor Ausbruch erhöhte EBV-Antikörpertiter nachweisbar sind. Das führt zu einer wichtigen Erkenntnis: Es geht nicht um ein isoliertes Mittel, sondern um ein System.
Realistische Erwartungen
Ich habe inzwischen viele Patienten mit Autoimmunerkrankungen begleitet. Manche haben mehrere Diagnosen gleichzeitig. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich – und ich möchte bewusst realistisch bleiben.
Beispiele aus der Praxis
Asthma reagiert häufig erstaunlich rasch. Colitis ulcerosa und Morbus Crohn können sehr gut ansprechen – aber es dauert, oft ein Jahr oder länger. Bei Late-onset Typ-1-Diabetes habe ich Fälle gesehen, in denen Patienten nach Monaten insulinlos wurden – das ist für mich hochspannend. Bei Myasthenia gravis konnten in einzelnen Fällen Medikamente reduziert oder abgesetzt werden.
Bei MS ist für mich besonders bedeutsam, dass Progression und Schübe häufig stark gebremst werden können. Heilung im Sinne von „alles weg“ verspreche ich nicht – aber Stabilisierung ist oft ein enormer Gewinn.
Nicht alles heilt aus
Nicht alles heilt aus. Hashimoto lässt sich häufig stoppen, frühe Formen können sich bessern, fortgeschrittene Verläufe brauchen oft weiterhin Schilddrüsenhormon. Bei Alopezie, Vitiligo oder Dermatomyositis sehe ich gemischte Resultate.
Hyperkalzämie und Magnesium
Die zentrale Gefahr ist die Hyperkalzämie – also ein zu hoher Calciumspiegel. Das ist das, was viele als „Vitamin-D-Vergiftung“ bezeichnen.
Zusätzlich kann hochdosiertes Vitamin D zu verstärkter Magnesiumausscheidung führen – und Magnesium ist in diesem Kontext nicht optional, sondern essenziell.
Ohne Konzept wird es gefährlich
Vitamin D Höchstdosistherapie heißt nicht „nur Vitamin D geben“. Es braucht Magnesium, ausreichend Flüssigkeit und eine klare Strategie im Calciumhaushalt. Milchprodukte können problematisch sein, wenn das Gesamtkonzept nicht sauber geführt wird.
Bestimmte Erkrankungen (z. B. Sarkoidose mit Neigung zur Hyperkalzämie) erfordern besondere Vorsicht. Auch Nierenfunktion und manche Medikamente spielen eine Rolle.
Warum ich danach immer frage
Wenn ich mit Patienten arbeite, ist eine der ersten Fragen: Wie ist Ihre Lebenssituation?
Chronischer, nicht veränderbarer Stress kann Magnesium und Vitamin B2 stark verbrauchen, über neuroimmunologische Achsen Prozesse verschieben und das Immunsystem in einer Dauerschleife halten. Das kann eine Therapie massiv erschweren.
Es entsteht ein Kreislauf: Autoimmunität erzeugt Stress – Stress verschärft die Dysregulation.
Mein Standpunkt
Vitamin D – richtig verstanden – ist für mich ein zentraler immunologischer Regulator. Die Höchstdosistherapie kann bei ausgewählten Autoimmunerkrankungen bemerkenswerte Stabilisierung und Besserung ermöglichen. Gleichzeitig ist sie kein Allheilmittel, sie ist nicht risikofrei, und sie verlangt ein Gesamtkonzept inklusive Cofaktoren, Kontrollen und Lebensstilfaktoren.
Wenn ich eines betonen will, dann das: Es geht nicht um Magie. Es geht um Biologie – und um die Bereitschaft, ein komplexes System ernst zu nehmen.
Hinweis
Dieser Beitrag beschreibt meine Sicht und Erfahrungen aus der Praxis und ersetzt keine individuelle ärztliche Abklärung oder Behandlung.